Der Antisemitismus hat einen unheimlichen Anstieg erfahren. Französische Juden verlassen Frankreich in Scharen, britische Juden stellen ihre Zukunft in Frage. Doch in Deutschland hat jüdisches Leben eine Zukunft.
In meinem Wohnzimmer hängen zwei Gemälde. Eines ist ein zeitgenössisches Bild des israelischen Künstlers Yehuda Bacon; es zeigt zwei ineinander verschlungene Körper. Das andere ist ein Landschaftsaquarell aus Island, das der Deutsche Karl Bedal gemalt hat. Die Bilder sind völlig verschieden und doch verbunden durch eine tragische Geschichte.
Karl Bedal - er starb 1999 - war Soldat der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und später im US-Bundesstaat Idaho als Kriegsgefangener. Bacon, heute 84, überlebte den Holocaust in Auschwitz-Birkenau. Das Grauen, das er dort sah, bezeugte er bei Prozessen gegen Naziverbrecher, unter anderem gegen Adolf Eichmann.
Die Bilder erinnern daran, wie gegenwärtig die Vergangenheit in unserem Haushalt ist. Aber auch daran, wie wir, als Nachkommen beider Seiten, das Gefühl für die historische Last teilen. Deutsche, wie mein Mann, lernen die Schuld ihrer Vorfahren zu tragen, Juden wie ich das Leid der ihren: nie zu vergessen und jederzeit Vorsicht mit allem Deutschen walten zu lassen.
Kundgebung gegen Judenhass, Maja Hitij / Maja Hitij/dpa © Bereitgestellt von Süddeutsche.de Kundgebung gegen Judenhass, Maja Hitij / Maja Hitij/dpa Einen Großteil meines Lebens habe ich in Großbritannien verbracht, wo ich Erfahrungen mit Antisemitismus machte. Das begann auf dem Spielplatz der Schule, wo ein paar Rüpel uns yids befahlen, Münzen vom Boden aufzuheben. Einer unserer Lehrer meinte damals, es wäre besser, wenn meine jüdischen Freunde und ich den Übeltätern etwas beibrächten, als dass die Schule sie bestraften. Nachdem wir ihnen zwei Stunden lang 6000 Jahre jüdischer Geschichte erklärt hatten, sagten der Oberrüpel und seine Kumpel nie wieder ein böses Wort zu uns. Mein aufgeklärter Lehrer wusste, dass niemand unsere Geschichte so gut erzählen konnte wie wir selbst. Wir hatten nicht nur das Wissen, sondern auch die Empathie, die oft verloren geht, wenn Lehrer über die Vergangenheit reden.
Auch als Erwachsene begegnete ich Antisemitismus. Der Vater eines Ex-Freundes warnte mich, ich sollte im Zug in "so ein Lager" gebracht werden. Andere verfielen auf das klassische Stereotyp, wonach "alle Juden reich" sind. Zuletzt gab es einen unheimlichen Anstieg des Antisemitismus: Gewalttaten gegen Juden, Boykotte israelischer Wissenschaftler und Angriffe auf jüdische Studenten. Im vorigen Jahr gab es 1168 antisemitische Vorfälle, so viel wie nie zuvor. Gewalttaten und Vandalismus passierten vor allem während des Israel/Gaza-Konflikts. Die Synagoge meiner Familie war einer der vielen jüdischen Orte, die in dieser Zeit geschändet wurden. Ein wesentlicher Faktor hinter diesen Attacken war die Ausbreitung des Islamismus während der vergangenen 20 Jahre.
Auf der Liste der Länder, in denen ich leben möchte, hat Deutschland nie gestanden. Doch dann bekam mein Mann ein Jobangebot aus München, das er nicht ablehnen konnte. Was würde es für mich bedeuten, in ein Land zu ziehen, das sechs Millionen von uns ermordet hat? Während französische Juden Frankreich in Scharen verlassen und britische Juden ihre Zukunft infrage stellten, erlebt Deutschland eine jüdische Renaissance. In den vergangenen 22 Jahren vervierfachte sich die Zahl der Juden hier auf beinahe 102 000.
In London war ich nicht Mitglied einer Synagoge. In München jedoch schloss ich mich, eingedenk der Geschichte und weil ich mich nicht allein fühlen wollte, der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom an. Binnen drei Jahren ist deren Mitgliederzahl von 200 auf mehr als 400 gestiegen. Viele Neumitglieder sind junge Leute und Familien aus der ganzen Welt. Während des Israel/Gaza-Konflikts fühlten sich deutsche Juden trotzdem gefährdet. Die beiden Polizisten, die in ihrem Auto vor meiner Synagoge aufpassen, erinnern mich daran, wie gefährlich es heute ist, ein Jude zu sein.
Der deutsche Antisemitismus mag nicht so unverschämt und grobschlächtig daherkommen wie der britische, man spürt ihn aber angesichts der mangelnden Sensibilität, mit der einige Deutsche mit der grauenhaften Vergangenheit ihres Landes umgehen. Sie verdrehen die Augen, wenn wieder eine Dokumentation über die Schoah im Fernsehen gezeigt wird; ich verdrehe sie, wenn man mir sagt, das sei jetzt alles 70 Jahre her und wir sollten das Kapitel abschließen. 81 Prozent der Deutschen wollen "die Geschichte der Judenverfolgung hinter sich lassen", wie die Bertelsmann-Stiftung herausgefunden hat.
Dabei kann ich die Deutschen meiner Generation verstehen, die in den Achtzigerjahren in der Schule etwas über "Kollektivschuld" gelernt haben. Was für eine Last müssen sie tragen! Wenn man seiner Geschichte nicht entrinnen kann, dann kann dies Feindschaft und Mangel an Sensibilität fördern, besonders, wenn dem Unterricht über den Holocaust Empathie fehlt.
Ich bin mir bewusst, dass viele Deutsche noch nie einem Juden in Person begegnet sind. Es ist Aufgabe meiner Generation, der Enkel, einen Dialog zu beginnen. Das hätte die Bundesregierung bedenken können, als sie eine Kommission von "Experten" über Antisemitismus einsetzte und "vergaß", einen Menschen jüdischen Glaubens einzuladen. Ich muss zugeben, dass ich gelacht habe, als ich das hörte.
Mehr Sorgen bereitet es mir, wenn die Grenze zwischen Antisemitismus und Kritik an Israel verwischt wird, besonders in einer Zeit, in der Einwanderer und Asylsuchende aus Ländern hierher kommen, die Juden und Israel hassen. Mehr als einer von vier Deutschen setzt die Behandlung der Palästinenser durch Israel gleich mit der Verfolgung der Juden durch die Nazis.
Bundespräsident Joachim Gauck hatte recht mit seiner Rede zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: Die Erinnerung an den Holocaust ist die Verantwortung aller Bürger, auch der Einwanderer, die Deutschland als Heimat gewählt haben. Angela Merkel sagte, dass Juden unwiderruflich Teil von Deutschland sind und die Regierung dem Antisemitismus weiter mit Null-Toleranz begegnen wird. Aber auch die Mitbürger sind gefragt. Ich warte immer noch darauf, dass mich jemand fragt, wie ich mich angesichts des wachsenden Antisemitismus fühle. Oder der mir sagt, wie schlimm er das alles findet,
Wenn mir Deutsche sagen, 70 Jahre seien eine lange Zeit, dann antworte ich: Das Thema ist heute so relevant wie damals, solange es Antisemitismus und Faschismus in der Welt gibt. Ich möchte genauso wenig wie die Deutschen unter dem Schatten der Schoah leben. Das bedeutet aber nicht, dass wir vergessen sollten. Doch da es nun wieder eine blühende jüdische Gemeinschaft gibt, kann meine Generation eine zentrale Rolle dabei spielen, besser zu verstehen, wer wir in Deutschland eigentlich sind. Solange die Regierung dem Antisemitismus mit Null-Toleranz begegnet, fühle ich mich nicht nur wohl, ich bin glücklich, als Jüdin in Deutschland zu leben.
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